Meine Diagnose

Der Verlust meiner Haare

Ich wusste es würde kommen. Bei der Aufklärung für die Chemo wurde mir gleich gesagt, bei dieser Art von Chemo fallen die Haare immer aus. Meistens so ca. 2 Wochen nach der ersten Dosis. Gedanklich war ich gut darauf vorbereitet. Auch den Jungs haben wir das immer wieder beiläufig gesagt.

Ziemlich genau 2 Wochen nach Chemo ging es los. Beim Bürsten hatte ich mehr Haare als sonst in der Bürste. Das ging etwa 2 Tage so. Ich merkte, dass meine Haare dünner wurden. Die Jungs waren bereit sie abzurasieren, das wollten sie gerne und so waren sie aktiv in den Prozess einbezogen. Am dritten Morgen hatte ich beim Duschen dann ganze Büschel in der Hand. Nach dem Fönen schaute ich in den Spiegel und wusste so gehe ich nicht mehr aus dem Haus. Mein Großer musste zur Schule los, also musste der Mittlere ran. Er fand das super den Trimmer zu schwingen.

Es war vollbracht. Er schaute mich mit großen Augen an und meinte nur, so wollte er das doch nicht haben. Wir haben gemeinsam gelacht. Nochmal erklärte ich ihm, dass es nicht anders ging und irgendwann werden sie nachwachsen. Ich stand im Bad. Als der Mittlere rausgegangen war, holte ich tief Luft und schaute in den Spiegel. Es war merkwürdg aber ich fand es nicht schlimm. Es waren schließlich nur Haare und für mich war klar, dass ich auch ewig so rumlaufen würde, wenn es dazu dient den Krebs zu besiegen und meine Jungs aufwachsen zu sehen. Der Blick in den Spiegel war aber die kommenden Wochen weiter komisch und ungewohnt.

Ein bisschen Sorge hatte ich natürlich wie die Jungs das mitmachen, dass Mama eine Glatze hat. Wie reagieren die Freunde der beiden? Müssen sie sich blöde Sachen anhören? Wie sich rausstellte war das absolut kein Problem. Es war für die beiden einfach gar kein Thema. Manchml wünsche ich mir, dass alles so unkompliziert und klar ist wie bei Kindern.

Auf dem Weg zum Kindergarten ,den ersten Morgen, raste mein Herz. Kaum einer wusste von meiner Diagnose. Ich wollte einfach mitleidige Blicke vermeiden. Tja, ich wusste damit war jetzt definitv Schluss. Ich hatte nun ein Kopftuch auf und war furchtbar nervös. Keine Ahnung ob der Mittlere das gemerkt hat. Wir fuhren an einem Spaziergänger vorbei und er sagte völlig trocken ich solle den Mann da mal angucken. Guck Mama, der Mann hat eine Glatze, genau wie du. Überhaupt nicht schlimm, du hast nicht alleine eine Glatze. Mir ging das Herz auf und ich musste mich beherrschen nicht laut lozulachen. So sehen Kinder das. Andere haben das doch auch, nicht schlimm. Klar, ich wurde angeguckt, wenige trauten sich, mich anzusprechen. Aber auch das hatte sein Gutes. Mein Selbstbewusstsein ist von jeher nicht sonderlich groß. Ich mache mir immer viele Gedanken was andere von mir denken, habe Sorge sie könnten schlecht von mir denken. Das hat sich gelegt. Ich habe gelernt, dass es unwichtig ist was andere denken. Habe gelernt, nicht darauf zu achten wenn ich angeguckt werde.

Wir hatten ein paar Situationen, in denen meine Jungs absolut vorbildlich waren. Wenn es an der Tür klingelte, lief ich immer wie aufgescheucht durchs Haus und suchte schnell eine Mütze. Einmal guckte der Große mich an und fragte mich wieso ich das denn tue. Ist es nicht egal wenn man mich mit Glatze sieht? Sind doch nur Haare. Er hat ja so recht! Trotzdem war das ein Schritt, den ich nie geschafft habe. Ohne was auf dem Kopf haben mich nur wenige gesehen.

Im Kindergarten kam es mal zu einer Situation, in der die Kinder am Frühstückstisch gefragt haben ob die Mama so ganz wirklich eine Glatze hat. Mein Mittlere hat nur ganz trocken geanwortet. Ja hat sie, er hat das sogar gemacht weil er die abrasiert hat. Die Kinder nickten beeindruckt und damit war das Thema erledigt. Sowieso ich bin furchtbar beeindruckt wie Kinder das Ganze aufnehmen. Es ist einfach keiner Rede wert. Jeder wird so genommen wie er ist. Es ist egal, wenn man anders aussieht. Das ist eine so beeindruckende Sichtweise der Welt. Völlig frei von Vorurteilen. Davon sollten wir als Erwachsene uns definitv eine Scheibe abschneiden und aufpassen was wir vor den Kindern äußern, um diese Sicht der Welt möglichst lange unbeeinflusst zu lassen.

Jetzt habe ich meine letzte Chemodosis hinter mir und im Nachhinnein war die Zeit ohne Haare nicht schlimm. Natürlich freue ich mich, wenn sie wieder wachsen. Das tue ich wirklich sehr und kann es kaum abwarten. Aber es sind nur Haare.

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