Meine Diagnose

Was bleibt

Erst kürzlich kam es zu einer Situation, in der ich eine abendliche Verabredung absagen musste, weil ich einfach völlig erschöpft war. Das ärgerte mich maßlos. Wie kann das sein?

Mein Mann versuchte mich aufzumuntern. Er zeigte mir auf, wie es mir vor einem halben Jahr nach Ende der Chemotherapie ging. Wir wohnen in einer Senke und um unsere Straße zu verlassen muss man einen Berg hinauf, anders geht es nicht. Vor einem halben Jahr, erinnerte er mich, warst du nicht in der Lage die Straße hochzugehen. Du hattest weder die Kondition, noch die Kraft. Heute kannst du ein ganzes Wochenende auf den Beinen sein, stundenlange Ausflüge, ohne Pause machen. Da darfst du jawohl abends erschöpft sein.

Er hat ja so Recht, das wusste ich. Trotzdem war ich genervt von mir selbst. Und bin es oftmals noch. Es kommt immer wieder zu Situationen in denen ich meine körperliche Einschränkung merke, in denen ich merke was mein Körper durchmachen musste. Klar fühlt sich das nicht richtig an. Ich fühlte mich gut und dann kam die Krebstherapie und nun fühle ich mich nicht immer gut. Natürlich weiß ich, wofür ich das gemacht habe. Hätte ich die Therapie nicht gemacht, vielleicht wäre ich heute nicht mehr da. Das weiß ich und trotzdem glaube ich, darf man manchmal auch ein bisschen jammern. Vor einem halben Jahr hätte ich über so leichte Einschränkungen gelacht und ich bin sehr froh über solche Nichtigkeiten mich aufregen zu können, denn ich bin da und mir geht es weitestgehend gut.

Was bleibt, sind trotzdem körperliche Einschränkungen, die ich hinnehmen muss. Vielleicht ist Fatigue ein Begriff. Fatigue ist eine körperliche Erschöpfung, die durch die Chemotherapie ausgelöst werden kann. Man ist müde, antriebslos und erschöpft. Das Bedürfnis sich schlafen zu legen ist wahnsinnig groß. Eine Zeit lang bin ich nur durch den Tag gekommen, indem ich mich auch hingelegt habe, wenn der Kleine geschlafen hat. Das muss ich heute nur noch selten. Aber es gibt diese Tage. Mit wenig Schlaf komme ich weiterhin nicht gut zurecht und eine anstrengende Woche und viel auf den Beinen sein, erschöpft mich sehr. Manchmal kommt es vor, da werde ich plötzlich furchtbar, furchtbar müde und meine Konzentration ist von jetzt auf gleich bei Null und mir fällt es schwierig einem Gespräch zu folgen.

Was bleibt, sind allgemeine Beschwerden. Man fühlt sich oft, als wäre man sehr alt. Wenn ich länger sitze brauche ich eine Weile bis ich „rund“ laufe. Die Gelenke fühlen sich steif an. Sitze ich nach vorne gebeugt und stehe auf, brauche ich etwas um den Rücken gerade zu bekommen. Oft hab ich Kopfschmerzen.

Was bleibt, sind Verdauungsstörungen. Mir wurde ein Teil des Darms entfernt und die Chemotherapie greift die Schleimhäute der Darmwand an. Das hat sich noch nicht erholt, ich denke da brauche ich nicht ins Detail gehen.

Was bleibt ist Kraftmangel. Unter der Chemotherapie bauen die Muskeln ab. Wenn ich auf dem Boden sitze, komme ich nicht aus Beinkraft wieder hoch. Eine Zeit lang habe ich das selbst aus der Hocke nicht geschafft. Aber auch das wird besser.

Was bleibt sind die Wechseljahre. An manchen Tagen merke ich es kaum, an anderen dafür umso mehr. Schweißausbrüche, Hitzewallungen, Gefühlsschwankungen. Außerdem eine ziemliche Gewichtszunahme. Das stört mich wohl am Meisten daran.

Vieles ist besser geworden. Meine Chemotherapie ist ein halbes Jahr her. Vielleicht bleibt einiges. Manche Patienten kämpfen ein Leben lang mit den Nebenwirkungen der Chemo. Ich habe schon viel Glück und keine gravierenden Schäden davongetragen. Das hätte anders sein können, Nervenschäden, Herzprobleme, schweres Fatigue, Hörschäden. All das wäre möglich gewesen.

Ich bin also wirklich froh, das es mir geht, wie es mir geht. Und für die noch kleinen Überbleibsel bitte ich mein Umfeld um Nachsicht und Geduld. Aber vielleicht fällt es dem ein oder Anderen einfacher zu verstehen wie es nach einer Krebstherapie ist und das mit abgeschlossener Therapie halt nicht automatisch alles wieder gut ist. Man bekommt bei einer Krebstherapie im Normalfall einen Behindertenausweis. Ich habe einen mit 80gdB (Grad der Behinderung). Das hat seine Gründe. Aber er ist zeitlich begrenzt zunächst. Ich hoffe es bleibt bei einer zeitlichen Begrenzung und ich denke auch die „kleinen“ körperlichen Einschränkungen werden noch weniger werden und vielleicht sogar verschwinden. Und so lange muss mein Mann mich vielleicht ab und an mal daran erinnern, was ich schon geschafft habe. Aber ich weiß das macht er gerne. Der Weg ist hier wohl definitiv das Ziel.

2 Kommentare

  • Simone

    Liebe Bianca,
    mein erstes Impuls beim Lesen heute war: Bianca braucht eine Umarmung. Diese schicke ich Dir hiermit. Sei nicht so streng mit Dir, war der zweite Gedanke. Du hast schon Unglaubliches in den letzten Monaten geschafft und überstanden und vielleicht geht es jetzt um ein Annehmen der neuen Bianca, die wahrscheinlich nie wieder ganz so sein wird wie die Bianca vor der Krankheit. Aber ich bin sicher, die neue Bianca ist deswegen keineswegs weniger liebenswert, im Gegenteil, vermutlich ist sie reifer, erfahrener und „grösser/weiter“ als sie es vor ihrer Erkrankung je war oder geworden wäre. Ich habe vor einigen Wochen ein Gespräch mit einem Arzt der anthroposophischen Medizin gehabt, der mir erklärte, dass für ihn Krankheit eine Weiterentwicklung und ein Wachsen des Menschen, des Geistes und der Seele sei. Darüber denke ich in letzter Zeit öfter nach, denn nach dieser Auffassung bringt Krankheit einen ja weiter…. Vielleicht kannst Du ja nochmal schauen, was „Positives“ bleibt … Und das soll jetzt nicht zynisch klingen, sondern ein Versuch sein, den Blickwinkel noch mal zu verändern und davon weg zu kommen, perfekt funktionieren zu müssen. Darum geht es glaub ich nicht. Vielleicht geht es darum, sich anzunehmen und anzunehmen, dass man sich verändert. Und verändern heisst für mich immer auch, sich von Dingen, die selbstverständlich waren, verabschieden zu müssen und dann zu entdecken, was man dadurch auch Neues gewonnen hat. Vielleicht hilft Dir das als Reaktion. Liebe Grüsse

    • Bianca

      Liebe Simone, ich habe viel, viel positives aus der Zeit gezogen. Das habe ich ja auch schon oft geschrieben 😊 Und trotzdem fällt es einem manchmal dann doch schwer das negative anzunehmen und zu akzeptieren. Aber das Wichtigste ist, ich bin da! Und das weiß ich wirklich sehr zu schätzen. Ja Krankheit ist wohl wirklich gut um zu wachsen. Das bin ich definitiv in dem Jahr. 😉 LG Bianca

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