Meine Diagnose

Ein Jahr

27.04.18: Ich werde wach, muss mich kurz orientieren. Ich liege in einem großen Raum. Überall piepst es. Dort stöhnt jemand. Vier Betten, in einem davon liege ich. Die OP ist vorbei, ich fühle mich wie von einem LKW überrollt, kann mich kaum bewegen. Irgendwo in meinem benebelten Hirn schreit es, abtasten! Meine Hände gehen unter die Decke, ganz vorsichtig. Ich taste einige Schläuche, sehe Ableitungen. Bitte, bitte kein künstlich
er Darmausgang. Aber ich taste keinen. Mein Kopf fällt aufs Kissen. Dann rasen die Gedanken los. Was haben sie wohl gefunden? Ist alles raus? Was passiert jetzt?

Ein Pfleger kommt und spricht mich an, fragt mich ob ich Schmerzen habe. Nein habe ich nicht, solange ich nicht versuche mich zu bewegen. Er erklärt mir die Schmerzpumpe. In meinem Rückenmarkskanal liegt ein Schlauch, dort läuft kontinuierlich Schmerzmittel rein. Durch einen Knopf kann ich mir mehr geben, wenn ich es brauche. Ich kann nichts falsch machen. Er geht wieder weg und ich merke wie mir plötzlich schlecht wird. Ich presse ein Entschuldigung hervor, aber da ist es zu spät und ich breche mich und das Bett voll. Der Pfleger kommt und tauscht das Laken und mein Hemd. Furchtbar demütigend und doch ist es mir in dem Moment total egal. Er ist nett und ohne Vorwurf. Ich lasse ihn machen, schließlich bin ich nicht ansatzweise fähig ihm zu helfen.

Es ist mitten in der Nacht, die OP hat 7 Stunden gedauert und ist gut gelaufen. Mehr soll mir Morgens ein Arzt erzählen. Ich döse immer wieder weg, unterbrochen von dem Gepiepse und den Stimmen. Ich liege auf der Intensivstation für frisch Operierte. Dort jammert ein Mann, er hat Schmerzen, dort stöhnt eine Frau. Ich liege einfach und warte auf den Morgen.

Es wird geschäftig in dem Raum. Zwei Schwestern bereiten alles vor. Sie setzten einen Patienten nach dem Anderen auf, Vorhänge werden vorgezogen. Als letztes bin ich dran. Ich werde aufgesetzt und darf mir die Zähne putzen und einen Schluck trinken. Mein kompletter Rumpf sticht und brennt wie Feuer währenddessen und ich bekomme kaum Luft. Ich beschwere mich nicht, ich bin nur froh mich zu bewegen, ein bisschen mit den Beinen zu wackeln. Mir wird schwarz vor Augen und ich kippe seitlich weg. Die Schwestern legen mich wieder hin und man muss mir meinen Frust ansehen. Die Schwester sagt, wie gut das schon war und ich soll nicht so streng mit mir sein. Kurze Zeit später werde ich auf Station geschoben.

Ein Arzt begleitet mich, er wollte gerade zu mir. Er erklärt mir ich habe den OP-Trupp gut beschäftigt. Ich war die ganze Zeit stabil aber die OP war aufwändig. Er erzählt mir, was alles entfernt wurde. Haben Sie noch Fragen? fragt er mich. Eine einzige brennt seit ich aufwache in mir. Ist alles raus? Ist noch Krebs in mir? Er entschuldigt sich, dass er das noch nicht gesagt hat, Ja, alles raus. Ich bin Krebsfrei. Die erste Hürde geschafft.

Die folgenden Tage sind geprägt von Physiotherapie und Gesprächen. Viele Besuche von meinen Lieben. Und von Geduld mit mir Selbst. Die erste Dusche fühlt sich unglaublich gut an, auch wenn ich mir Mühe geben muss nicht unter der Dusche zu kollabieren. Ich habe immer Probleme mit der Atmung, es tut so weh. Die Physiotherapeutin massiert die Lunge, es wird besser aber es quält mich, jeder Atemzug tut weh. Ich tue alles um so schnell wie möglich auf die Beine zu kommen. Drehe Runden über den Flur und stehe oft auf. Das Essen will nicht klappen, ich mag einfach nicht. Die Schwestern sind furchtbar lieb und nehmen sich Zeit, geben Tips und besorgen Baby-Obstgläschen für mich.

10 Tage- ich darf nach Hause, auf mein Bitten. Erste Hürde geschafft. Die Nachbarin borgt mir zu Hause eine Gartenliege und dort verbringe ich viel Zeit und erhole mich, komme auf die Beine. Mein Mann ist noch für 2 Wochen zu Hause. Dann ist eine Freundin bei mir. Ich darf ja 6 Wochen nicht heben, kann also meinen 6 Monate alten Sohn nicht selbst versorgen. Ich lerne mit den Schmerzen umzugehen, die benötigten Schmerzmittel werden weniger mit jedem Tag und die Schmerzen besser.

Beim Port legen, kommt heraus, ich habe einen Pleuraerguss. Eine Flüssigkeitsansammlung in dem Spalt zwischen Lunge und Rippen. Daher die Atemprobleme. Kommt wohl von der OP und wird sich geben. 4 Wochen nach der OP beginnt die Chemo.

27.04.19 Ich bin heute ein Jahr Krebsfrei! Kaum zu glauben. Während ich schreibe, kommt es mir so vor als wäre es gestern und irgendwie ist es auch furchtbar weit weg. Die Gefühle die ich damals hatte im Krankenhaus sind kaum zu beschreiben. Es war eine Mischung aus Angst, Kampfwille und Frust. Ich habe sehr sachlich geschrieben, sonst würde ich kein Ende finden. Die Tage im Krankenhaus waren anstrengend und ich habe von Tag zu Tag gekämpft und mich überwunden. Schmerzen und Tränen runtergeschluckt. Andererseits war ich so motiviert und voller Hoffnung. Ich hatte das Gefühl alles schaffen zu können, wenn ich nur will. Der Krebs ist raus.

Vor einigen Tagen saß ich im Auto und hatte eine Art Flashback. Manchmal passiert das, ist aber lange nicht mehr vorgekommen. Mir schnürt es gefühlt die Luft weg und meine Augen füllen sich mit Tränen. Ich höre die Sätze, die der Arzt zu mir gesagt hat. „Ich weiß nicht wie die Chancen sind, wenn es aber jemand schafft dann Sie- Ich weiß nicht was man da heute machen kann- Es ist ein aggressiver Krebs, am Bauchfell ist es schwierig- Ich weiß nicht wie weit die Medizin da ist.“ Solche Sätze und ähnliche höre ich. Ich fühle mich wie damals, mir schnürt es alles zu und völlige Hilflosigkeit macht sich breit. Mein Blick geht bewusst nach hinten ins Auto. Mein kleiner Sohn strahlt mich über beide Ohren an. Das Gefühl wird besser. Ich sage mir immer wieder: Ich lebe, ich lebe, mir geht es gut! Das Gefühl verschwindet. Ich weiß damit umzugehen mit solchen Momenten, aber manchmal kommen sie einfach. Es wird aber weniger.

Und dann sind da diese Momente, die von purem Glück sind. Die Sonne scheint, die Jungs toben durch den Garten, die Vögel zwitschern und alles blüht. Das Leben ist so unfassbar schön, auch wenn es dunkle Zeiten hat. Ich freue mich über dieses Leben, über meine Kinder, meine Freunde, meine Familie. Ich kann mein Glück kaum fassen, so groß ist es und so sehr genieße ich es, erst Recht weil ich weiß wie es sich anfühlt, wenn dieses Leben bedroht ist.

Heute bin ich tatsächlich ein Jahr Krebsfrei. Noch vor ein oder zwei Jahrzenten wäre das bei der Diagnose kaum möglich gewesen. Später erkannt, wäre es wohl auch nicht mehr heilbar gewesen, dann hätte ich zu den über 75% gehört die an der Diagnose sterben. Ich habe einfach so ein unfassbares Glück!

Wir sind ausgerechnet heute auf eine Hochzeit eingeladen einer lieben Freundin, der Kontakt ist durch meine Diagnose wieder enger geworden, worüber ich so froh bin. Der Tag ist recht emotional so oder so. Ich habe die 1-Jahres-Hürde geschafft. Es hat so viel Schmerzen und Anstrengung gekostet! Aber es geht mir heute gut. Meine Familie und ich haben das letzte Jahr gerockt. Wir haben zusammengehalten und sind gewachsen.

Es lässt sich kaum in Worte fassen, was ich fühle. ich gucke Bilder durch und könnte weinen vor Dankbarkeit. Ich sah zwischenzeitlich furchtbar aus, von der Chemo und den Medikamenten gezeichnet. Heute ziehe ich mir ein schönes Kleid an, mache mir meine frisch geschnittenen Haare zurecht und feiere mit meinen Freunden. Was gibt es schöneres, als das auf einer Hochzeit zu tun.

Ich lebe! Was für ein unfassbares Glück ich doch habe! In ein paar Tagen werde ich 30. Viele jammern, wenn sie älter werden. Ich feiere es. Und wie ich das tue. Ich habe das Privileg älter zu werden und das hoffentlich noch sehr, sehr viele Jahre. Das weiß ich zu schätzen und ich werde mein Leben genießen so gut ich es kann. Mein Geburtstag wird wohl ein besonderer Tag für mich und für meine Lieben. Wir alle hatten ein turbulentes letzes Jahr.

Das Jahr in Bildern:

Ein Kommentar

  • Andrea Köhler

    Mein wunderschönes Mädchen,
    Du hast einen schweren Kampf auf wunderbare Weise gemeistert. Ich bin so unsagbar dankbar, dass du noch bei uns bist und wir bald deinen ganz besonderen Geburtstag feiern dürfen. Wir haben alle, als große Familie, sehr viel gelernt. Du hast uns vieles gelehrt!! Gemeinsam kann man vieles schaffen, aber du hast unglaubliches geschafft. Genieße dein Leben mit deinem wunderbaren, treuen Mann und deinen tollen Jungs. Du hast es verdient.
    Ich bin deinen Ärzten für ewig dankbar, für dass was sie geleistet haben! Sie haben dich nicht aufgegeben und du warst bereit für deine Männer zu kämpfen. Ich weiß, dass unser himmlischer Vater dich geführt und geleitet hat. Er hat die Gebete von Menschen, die dich lieben, gehört.
    Ich habe dich von ganzem Herzen lieb und bin dankbar und stolz dich als Tochter zu haben.

    Deine Mama

Schreibe einen Kommentar zu Andrea Köhler Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.