Meine Diagnose

Nicht immer schwarz-weiß

Ich habe seit einiger Zeit einen Blogpost liegen. Das Thema wie mit Krebskranken umgegangen wird, vom Umfeld, beschäftigt mich schon länger. Ich habe mich in Krebscommunitys umgehört und habe viel ähnliche Erfahrungen gehört. Einiges habe ich auch erlebt, vieles aber auch nicht. Ich hatte ein starkes Umfeld um mich rum und wurde aufgefangen.

Viele berichten von Familienbrüchen und Freundesverlust unter der Krankheit. Ich konnte das nicht nachvollziehen. Jetzt kann ich es. Ich habe mich so viel damit beschäftigt und eine kürzliche Aussprache mit einer Freundin hat mir gezeigt das Thema ist nicht schwarz-weiß. Es hat viele Facetten, viele Emotionen und viele Meinungen.

Genau da liegt wohl das Problem. Viele haben Erfahrungen mit dem Thema Krebs gemacht oder sich Unwissenheiten als Meinung zugelegt.

Ich wurde während meinem Nachfragen bei Betroffenen, mit unglaublichen Aussagen konfrontiert, die mich schier sprachlos gemacht haben. Wie kann man einem aktuell unter Krebstherapie stehendem Menschen sagen, er hätte selber Schuld oder vorwerfen, dass er/sie eine Chemotherapie macht, weil das hilft ja nur der Pharmaindustrie. Solche Aussprüche machen mich wirklich wütend. Solche Aussagen helfen niemandem. Das sind extreme Beispiele und sind mir so in der Form nicht passiert. Ich habe solche Aussagen durchaus selber schon gehört. Nicht auf mich bezogen, aber schon gehört. Vielleicht ist es manchmal Unwissenheit, vielleicht einfach Gedankenlosigkeit.

Wie dem auch sei, mir ging es eher um die kleinen Kommentare, die man oft ungefragt bekommt. Über ein „du siehst aber doch so gut aus“ obwohl man körperlich einfach am Boden ist über „positiv sein und dann wird das schon“. Aber während ich mich damit beschäftigt habe ist mir mehr und mehr aufgefallen, vielleicht hätte ich das ein oder andere auch gesagt wäre ich nicht selbst betroffen.

Ich hatte wie erwähnt kürzlich eine freundschaftliche Aussprache und mir ist bewusst geworden, dass man als Patient vielleicht zu vieles persönlich nimmt. Die Meisten meinen es einfach nur gut und es ist auch für den Gegenüber nicht leicht. Es ist eine furchtbare Gradwanderung zwischen den Betroffenen normal zu behandeln und aber genug Empathie und Rücksicht zu zeigen. Das muss unfassbar schwer sein. Dazu kommt, dass die Angehörigen auch mit vielen Ängsten und Sorgen belastet sind, die man als Kranker gerne ausblendet.

Meine Freundin saß weinend vor mir und erklärte mir sie hatte einfach eine Scheißangst gehabt, dass ich sterbe. So große Angst. Es fühlte sich an als drehte jemand ein Messer in mir um. Vielleicht habe ich das ausgeblendet, weil es wehtut, wenn andere Angst haben und man selbst Auslöser dafür ist. Auch meine Augen füllten sich mit Tränen. Das passiert höchst selten. Selbst mein Mann hat mich in der ganzen Zeit höchst sogut wie nie weinen sehen.

Mir war natürlich immer bewusst, dass andere meine Diagnose belastet. Aber mir war zum Beispiel nie bewusst, dass ich mit meinem stark sein wollen und meinem „Alles gut“-Gerede Menschen vor den Kopf stoße. Ich habe mich schwer damit getan zum Beispiel nach Hilfe zu fragen. Dass sich dadurch jemand verletzt fühlt, wollte ich nie. Wie gesagt es ist eine schwierige Ausnahmesituation. Für alle, nicht nur für einen Selbst.

Ich mochte nie über meine Gefühle reden, habe nicht gesagt wie es mir wirklich geht. Meine Lieben kennen mich aber gut und haben gesehen, dass das nicht immer stimmt. Ich wollte niemanden belasten, aber habe nicht darüber nachgedacht, dass meine Lieben sich dadurch noch hilfloser fühlen und sich besser fühlen könnten, wenn ich Hilfe annehme und ehrlich sage, wie es mir geht.

Was ich sagen will ist, es ist nicht alles einseitig und es muss wirklich nicht leicht sein mit einem Krebskranken umzugehen, denn wie ich auch bei vielen anderen gehört habe, wird viel persönlich genommen. Die Nerven liegen blank und man ist super sensibel. Vielleicht vergisst man, wie es anderen damit geht oder macht es mit übertriebener Rücksichtnahme in Form, dass man andere nicht belasten will, nicht besser.

Ich für meinen Teil habe in den letzten Wochen wirklich viel gelernt. Ich kann nichts rückgängig machen, aber ich kann gucken, dass ich mich mehr öffne und ehrlicher, vielleicht auch mit mir selber, bin.

Jeder geht mit seiner Geschichte anders um, das ist auch richtig und gut so. Jeder hat andere Sorgen und Ängste. Aber das geht wohl jedem Menschen so. Jeder ist charakterlich unterschiedlich. Ich für meinen Teil denke ich halte die Augen in Zukunft offener und versuche nicht alles persönlich zu nehmen und mir aufzuladen. Denn die Meisten meinen es einfach nur gut.

Jetzt weiß ich auch, wieso ich meinen Blogpost seit Wochen liegen habe und wieso ich ihn nicht veröffentlicht habe. Es hat mich einfach was gestört. Er war schwarz-weiß und nicht in verschiedenen Grau-Tönen oder gar bunt. Das Leben ist keine Einbahnstraße und es gibt nicht nur die eigenen Empfindungen, sondern auch die der Mitmenschen.

 

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