Meine Diagnose

Die Sache mit der Angst

Da ist sie wieder, plötzlich und völlig unvermittelt reißt es mir den Boden unter den Füßen weg und mein Kopfkino ist angeschmissen. Ich bekomme eine Nachricht einer Freundin, die ich über diesen Blog kennengelernt habe. Wir schreiben viel und tauschen uns aus. Ihre Geschichte ist meiner sehr ähnlich. Wir haben die Diagnose in etwa zum selben Zeitpunkt bekommen. Doch jetzt hat sich etwas verändert. Bei ihr wurden wieder Tumore gefunden. Diese Nachricht hat mich unfassbar geschockt. Ich hatte immer Angst davor, habe diese aber auch gut unter Kontrolle gehabt, ich habe die Möglichkeit eines Rezidivs einfach von mir geschoben.

Nun ist sie da, diese Möglichkeit. Wenn es bei ihr wieder da ist, wer weiß, wieso nicht bei mir? Ich möchte nicht näher darauf eingehen, wie es ihr damit geht. Das ist ihre Geschichte und ich habe kein Recht sie zu erzählen. Aber man kann es sich wohl vorstellen.

Plötzlich kommen bei mir Fragen auf, könnte ich das nochmal? Hätte ich die Kraft dazu? Kann ich nochmal alle so fordern? Wie würde es die Kinder und mein Mann belasten? Das darf einfach nicht passieren. Aber das liegt nicht in meiner Hand. Ich denke das ist es, was so Angst macht. Man hat es einfach nicht unter Kontrolle. Krebs ist heimtückisch und nicht planbar. Er unterliegt keinen Regeln. Es passiert aus der Laune einer einzelnen Zelle heraus. Das kann passieren, jederzeit. Und ich würde es noch nicht mal merken. Das ist es, was Angst macht. Egal was man tut, es gibt keine Garantie und wenn es blöd läuft erkennt man es noch nicht mal. Es ist schwer bildlich sichtbar zu machen. Vielleicht macht es keine Beschwerden, wahrscheinlich sogar. Man erkennt es erst, wenn es eine gewisse Größe erreicht. Es gibt natürlich Verfahren, aber diese sind wiederum auch schädlich und man macht sie nicht vorsorglich, das würde mehr schaden als nützen.

Es ist einfach so wenig greifbar. Man kann nur versuchen es hinzunehmen und abzuwarten. Warten, ob es wiederkommt, oder halt nicht. Man kann auch noch so viele Statistiken lesen oder Wahrscheinlichkeiten überlegen. Das ist so Pustekuchen. Laut Statistik hätte ich diesen Krebs gar nicht haben sollen, ich bin viel zu jung dafür. Laut Statisik, wäre er am Eierstock entstanden, mein Hauptherd war am Bauchfell. Laut Statisik, wäre er erst erkannt, wenn man nicht mehr heilen kann. Laut Statistik, hätte in meinem Stadium, kaum eine Krebsfreiheit nach Behandlung bestanden. Ich habe viele Statistken bisher ausgehebelt. Und trotzdem ist in meinem Kopf jetzt wieder die Statistik, dass nur 40% der Patientinnen bei Stadium 4, welches ich hatte, die 5-Jahreshürde schaffen.

Was mache ich jetzt? Die Antwort ist wohl- Nichts. Mein Leben weiter leben und genießen. Ich kann nicht ändern was kommt, oder auch nicht. Meine Angst, versuche ich im Zaum zu halten. An dem Abend, nachdem ich es erfahren hatte, lag ich abends im Bett, mit meinem Mann und habe geweint, wie lange nicht. Für meine Freundin und für mich. Ich brauchte nicht vieler Worte, mein Mann wusste was in mir vorgeht und ich was in ihm. Wir hatten beide Angst. Nackte, pure Angst. Sie nahm mir die Luft zum Atmen und ich musste mich konzentrieren nicht in Panik zu verfallen.

Ich glaube ich habe mal geschrieben, ich möchte das Jahr der Erkrankung nicht ändern, denn mir ist auch so viel Gutes widerfahren. Das stimmt, es ist viel Gutes entstanden. Ich bin bewusster, glücklicher als vorher, trotz aller Beschwerden. Ich habe neue Menschen kennengelernt, alte Freundschaften aufgewärmt und vertieft. ABER, wenn ich könnte würde ich mir wünschen, das alles wäre nicht passiert. Mein Leben war auch vorher schön und es war ein verdammt furchtbares Jahr, trotz der guten Dinge. Ich war körperlich und auch psychisch am Rande meiner Belastbarkeit. Und, ich habe die Angst danach unterschätzt. Vielleicht, weil ich sie nicht so zugelassen habe bisher. Sie war da, aber nun ist sie über mich eingebrochen. Nun ist sie nunmal in Fülle da und ich muss lernen eine Co-Existenz mit ihr zu führen. Ich kann nicht ändern was passiert, ich muss nur lernen damit umzugehen. Vielleicht passiert auch gar nichts. Ich beende im Oktober meine Therapie und erhole mich körperlich irgendwann gänzlich. Ich habe ein erfülltes und glückliches, langes Leben. Auch diese Option gibt es, die Wahrscheinlichkeit ist da. Und daran versuche ich mich festzuhalten. So muss es einfach kommen. Und wenn nicht, schaffen wir auch das, irgendwie. Ein Lied hat mich und meinen Mann das Jahr begleitet. Es trifft es einfach auf den Punkt.

Immer geht ’ne neue Tür auf, irgendwo

Auch wenn’s grad nicht so läuft, wie gewohnt

Egal, es wird gut, sowieso

… (lyrics Mark Forster)

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