Meine Diagnose

Neustart

Ein paar mal habe ich in den vergangen Wochen angefangen, neue Blogartikel zu schreiben. Und immer sind sie im Entwürfeordner gelandet. Keine Ahnung wieso. Irgendwie wird die Hemmung mich hier emotional „nackig“ zu machen, immer größer. Es lesen so viele mit und die Motivation vom Anfang, anderen und mir mit diesem Blog zu helfen, hat sich irgendwie etwas verschoben. Wie auch immer, gestern hatte ich ein Gespräch, was mich etwas zum Nachdenken gebracht hat und ein guter Aufhänger für einen neuen Artikel ist.

Ich wurde gefragt, ob ich jeden Tag an den Krebs denke. Meine Antwort war leider ein klares: JA tue ich. Die Gegenantwort war: Ja klar, deinem Gegenüber geht es ja auch so. Wenn ich dich sehe, denke ich auch immer daran.

Ich gebe mir so viel Mühe dem Krebs nicht mehr so viel Raum zu geben. Klappt wohl nicht so gut, wie ich dachte. Tja und nun? Keine Ahnung. Ich denke darüber nach, wie ich das ändern kann. Ob ich das überhaupt ändern muss? Und es lässt mich ratlos dastehen, denn ich wüsste ehrlich gesagt gar nicht, wie ich das ändern sollte. Die Gedanken sind einfach da. Um eine andere Krebsbloggerin zu zitieren, man hat das Monster einer potenziell lebensverkürzenden Krankheit einfach unter seinem Bett. Egal welche Krebserkrankung man hat, das Monster unter dem Bett ist immer das Gleiche. Im Moment ist mein Monster einfach sehr präsent.

Vor Weihnachten hatte ich Nachsorge und das hat mir unglaublich unruhige Wochen beschert. Mein Bauchgefühl hat verrückt gespielt. Es war die erste Nachsorge nach Therapieende und das hat mich fast verrückt gemacht. Ich habe mir fast eingeredet, dass es nur sein kann, dass da wieder was ist. Obwohl ich keinerlei Anzeichen dafür habe. Etwas beruhigt war ich, als mein Gynäkologe scherzte wie langweilig mein Ultraschall ist, weil einfach nichts zu sehen ist, noch nicht mal das was er sonst sieht. Also eine Gebärmutter und Eierstöcke. Zum Glück mag ich solchen Humor. Er wusste wie angespannt ich war.

Aber das Monster ist weiterhin da. Und ja, das jeden Tag. Mal mehr, mal weniger. Mein Alltag ist anstrengend und ich bin einfach körperlich nicht mehr so leistungsfähig und auch nervlich nicht mehr so belastbar, wie vorher. Zu arbeiten, auch wenn es nicht so viele Stunden sind, und meinen Alltag zu bestreiten ringt mir alles ab. Es stresst mich. Das macht mich manchmal traurig. Aber es wird insgesamt besser, auch das merke ich und das gibt mir wieder Aufschwung.

Ein neues Gefühl für mich ist allerdings die Wut. Wut, darüber, dass so etwas unnützes Familien passieren muss. Dass Familien diesen schweren Weg gehen müssen. Gar nicht so sehr auf mich bezogen, aber für andere. Als ich kürzlich von einer Krebserkrankung im Umfeld erfahren habe, hat mich das so wütend gemacht und eine Frage die bei mir eher nicht wo präsent war ist hochgekommen. Warum? Warum nur? Darauf gibt es wohl keine Antwort. Es passiert, was passiert. Man kann es nicht ändern. Nur das Beste daraus machen.

Und das tue ich für mich. Ich habe beschlossen, dass ich etwas in meinem Leben ändern möchte. Ich möchte noch mehr Zeit für die Jungs haben. Ich möchte weniger negativen Stress, der mit meiner Arbeit einhergeht. Ich hetze morgens aus dem Haus, bringe die Kinder noch vor Schule und Kindergarten woanders unter. Ich hetze wieder nach Hause um rechtzeitig da zu sein, wenn die Schule aus ist. Die Ferienbetreuung ist schwierig. Wenn die Kinder krank sind, gerate ich in Panik, weil ich allen gerecht werden will. Das alles will ich so nicht mehr. Also habe ich einen Entschluss gefasst. Ich möchte etwas anderes machen. Etwas was mich voll ausfüllt, etwas durch und durch Sinnvolles. Etwas, was mich glücklich macht und was sich mit der Familie vereinbaren lässt.

Ich habe es gefunden. Ab März widme ich mich einer neues Aufgabe. Mein Job ist gekündigt. Das war nicht leicht, denn ich mag das was ich tue, eigentlich. Ich mag meine Kolleginnen. Der Arbeitsplatz war sicher. Und trotzdem habe ich, bzw wir, entschieden, ich brauche einen Neustart. Ab März sind wir Pflegefamilie in Form von Kurzzeitpflege. Wir nehmen Säuglinge auf, die kurzfristig aus der Familie raus müssen, aus welchen Gründen auch immer. Manchmal direkt nach der Geburt. Bis klar ist, wie es weitergeht, kommen diese Kinder zu uns. Ich freue mich sehr auf diese Aufgabe. Ich freue mich darauf diesen kleinen Wesen, wenn auch befristet, das Grundgefühl Liebe und Geborgenheit mitgeben zu dürfen. Ich habe bei meinem Jüngsten gesehen, wie prägend diese erste Zeit ist. Und ich hoffe das für diese kleinen Menschlein so wertvoll wie es geht zu gestalten. Wir nehmen sie uneingeschränkt als Familienmitglied auf, mit dem Wissen, dass es nur vorrübergehend ist. Wir freuen uns alle darauf und mein Herz hüpft, wenn ich daran denke, wieviel Glück ist habe, eine so tolle Aufgabe gefunden zu haben. Eine Aufgabe von der alle profitieren können. Und so beginnt ab März mein ganz persönlicher Neustart. Mit hoffentlich weniger Krebs und noch mehr Familie und Liebe.

Foto by M.Couson